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Die Springseile wurden nicht gebraucht

Besuch bei einer Zweijahrgangsklasse, die mit einem Lehrmittel für altersdurchmischtes Lernen arbeitet. Von Werner Jundt.

Die Zahl der Mischklassen hat in den letzten Jahren zugenommen. Auch in den Agglomerationen werden Zweijahrgangsklassen geführt, ohne dass kritische Schülerzahlen eine solche Umstrukturierung erfordern würden. Dem altersdurchmischten Lernen werden pädagogische Vorteile attestiert. Dass es anspruchsvoller ist, in Mischklassen zu unterrichten, steht aber ausser Frage; der Mehraufwand ist beträchtlich. Zu der ohnehin in allen Klassen vorhandenen Hetero­genität kommt in Fächern mit einer stofflichen Progression noch das Problem, auf zwei oder mehr Niveaus einen inhaltlichen Pfad zu legen und gleichzeitig die thematische Einheit für die ganze Klasse zu wahren. Verständlich, dass Lehrerinnen und Lehrer aufatmen, wenn Lehrmittel wie «Mathwelt» erscheinen, die auf diese besondere Situation in Mehrjahrgangsklassen abgestimmt sind.

 

Im Gürbetal

Ich besuche eine 3. / 4. Klasse im oberen Gürbetal. Reto Mani unterrichtet gut zwanzig Schülerinnen und Schüler, je etwa zur Hälfte in den beiden Schuljahren. Die Kinder könnte ich altersmässig nicht einteilen. Auch im folgenden Unterricht gelingt mir eine Zuordnung nur aufgrund der Aufgabennummer und einem Blick auf den Arbeitsplan an der Wandtafel. Bei vielem, was die Kinder tun, fehlt mir diese Eselsbrücke. Ich schmunz­­le innerlich über mein Versagen beim sinnlosen Versuch, diese Mischklasse aufschlüsseln zu wollen. An einem Gestell nahe beim Eingang hängen rote Springseile. «Für Bewegung zwischendurch», erklärt mir Reto Mani. «Die kleinen Pausen haben wir abgeschafft, zusammen mit dem 45-Minuten-Hickhack. Dafür machen wir verschiedene Bewegungspausen.» Vieles im Schulzimmer erzählt von dem, was in den verschiedenen Fächern behandelt wird. Prominent vertreten sind Bilder, Modelle und andere Gegenstände, die auf die Römer hinweisen. Am Schrank kleben formelhaft Ausspracheregeln und Zahlen aus dem Französischunterricht. Auch hier sind gewisse Themen mischklassentauglich. Ich bin gespannt, wie der Mathematikunterricht in der gemischten Klasse ablaufen wird.

 

An der Tafel steht’s

Zu Beginn des Unterrichts bespricht Reto Mani mit der Klasse die Aufträge, die für die nächsten gut sechzig Minuten in vier Farben auf der rechten Wandtafel stehen. Bei jeder Aufgabe erklärt ein Kind, wie sie zu verstehen ist. Gelb: «HA (Hausaufgaben) mit den Lösungen vergleichen». Reto Mani hält das gelbe Mäppchen «für die 4.-Klässler» und das blaue Mäppchen «für die 3.-Klässler» hoch und legt sie auf einen freien Tisch. «Was heisst vergleichen?» – Milian meldet sich: «Ich schaue, ob meine Hausaufgaben richtig sind, und mache ein Häkchen. Wenn sie falsch sind, gehe ich an den Platz und überlege noch einmal.» – «Oder wenn nötig, fragst du nach, bei mir oder jemandem in der Klasse.», ergänzt der Lehrer. Grün: «App Mathwelt (Gewicht oder Inhalt). iPad. 1-mal.» Beni erklärt, wie die App funktioniert. Rot: «Weiterarbeit nach Programm». An der linken Wandtafel sind die Aufträge aus dem Themenbuch und dem Arbeitsheft für die Kinder der 3. und der 4. Klasse zusammengestellt. Dazu auch je eine «Das kann ich»-Aufgabe zur Selbstbeurteilung. Reto Mani erklärt mir später, dass er von gedruckten Arbeitsplänen weggekommen ist und die flexiblere Organisation an der Wandtafel vorzieht. Blau: «Schätzen und nachmessen. Kopie. Max. 2-mal.» Der Lehrer erläutert die Einrichtung, die im Nachbarraum aufgebaut ist, und ermahnt die Kinder zum sorgfältigen Vorgehen, insbesondere dort, wo Wasser im Spiel ist. Der Bewegung, die in der Klasse aufkommt, entnehme ich, dass dieser Posten besonders attraktiv sein muss. Das zeigt auch das Interesse bei der Startzuteilung zu den verschiedenen Aktivitäten. Der weitere Verlauf ergibt sich, je nachdem, was frei ist. Im «roten» Programm haben die Kinder ja eh zu tun.

 

Eingespielt

Die Arbeitsweise ist offensichtlich eingespielt. Bald wird an allen Pulten intensiv gearbeitet. Die Übung auf dem iPad ist rasch aufgestartet. Mit dem Zeigefinger Gegenstände in eine bestimmte Rangordnung ziehen, je nach geschätztem Gewicht. Wenn die Reihenfolge nicht stimmt, werden die falsch eingeordneten Gegenstände nochmals angeboten. Das geht flink – fast zu flink; mit ein wenig Nachdenken würde Silvio weniger Fehler machen. Aber er ist manuell so schnell, dass er mit «Trial and Error» rascher ist … Sonja neben ihm arbeitet überlegter. Häufig trifft sie die korrekte Reihenfolge auf Anhieb. Reto Mani kommt nach der Startphase bei den Versuchen im Nebenraum ins Klassenzimmer zurück und beobachtet die Kinder beim Überprüfen ihrer Hausaufgaben. Den Drittklässlern gibt er da und dort einen Tipp mit. Mir fällt ein Knabe auf, der im Arbeitsheft vor- und zurückblättert und immer wieder auf das Programm an der Tafel schaut. Wie ich sehe, hat er einige Aufgaben bereits bearbeitet, andere nicht. Auf meine Frage, wie das komme, erklärt mir Bruno, er sei krank gewesen und habe einige Aufgaben schon zuhause gemacht, aber nicht alle der Reihe nach. Jetzt müsse er noch die Lücken füllen.

 

«Chosle»

Während im Zimmer ruhig gearbeitet wird, geht es im Nebenraum lebendiger zu und her. Am einen Tisch schätzen zwei Knaben und zwei Mädchen das Volumen von verschiedenen kleinen Gefässen. Auf dem Tisch liegen Fläschchen, ein Schöpfkännchen, Deckel von Konservengläsern. Es geht um Milliliter und Centiliter. Die Kinder suchen ein Gefäss aus, schätzen dessen Fassungsvermögen und notieren ihre Schätzung. Dann füllen sie das Gefäss mit Wasser, welches sie mit Messspritzen aus einem Becken aufziehen. Es hat 5 ml-, 10 ml- und 20 ml-Spritzen. Sie notieren auf dem vorbereiteten Zettel auch die Messung und die Differenz zur Schätzung.

 

«Bschiss»

Am Nachbartisch passiert Analoges mit Gewichten. Eben lag ein Xylophon auf der alten Balkenwaage, austariert mit Gewichtssteinen. Jetzt stellt Marion einen Leimstift auf die Waagschale. «Ha!», lacht Michael, «das Gewicht steht ja drauf!» Tatsächlich: 20 Gramm. «Siehst du!» Michael legt einen 20-Gramm-Stein auf die andere Schale. Die Waage kippt. «Bschiss!», ruft Julia. «Der Stift ist halt angebraucht», meint Michael. Aber Marion stellt fest: «Der ist schwerer als 20 Gramm!» Was ist hier los? «Die verschenken Leim – schön gut!», sagt Ellen. «Wie viel?», fragt der Lehrer, der eben dazu getreten ist. Die Kinder wägen. Bei 28 Gramm sind die Schalen im Gleichgewicht. Michael sagt: «8 Gramm». Er traut der Sache nicht recht. Reto Mani fragt: «Ich habe ein Dutzend Stifte gekauft. Wie viel wurde mir geschenkt?» – «96 Gramm», sagt Ellen. Nun schaut sich Bruno den Stift genauer an.

 

Feedback darf nicht fehlen

Die Kinder erfüllen die Aufträge in selbstgewählter Reihenfolge. Dazu müssen sie bisweilen den Arbeitsplatz wechseln. Auch Partnerschaften entstehen und werden wieder aufgelöst. Alles passiert ohne grössere Turbulenzen. Halb Zwölf. Mit der Gitarre ruft der Lehrer die Klasse zur Schlussrunde zusammen. Eines von vielen eingespielten Ritualen. Jetzt kommt Reto Mani auf die Leimstift-Geschichte zurück. Er schildert knapp das Phänomen. Sowohl «Bschiss!» wie «Schön gut!» sind erneut zu hören. Bruno meldet sich: «Hinter den 20 Gramm steht ein ‹e›. Die 20 Gramm sind nur der Leim, ich glaube, dem sagt man ‹netto›. Dazu kommt noch der Stift, das darum herum.» Auf das «e», welches hier nicht von Bedeutung ist, geht Reto Mani nicht ein; aber «netto» ist ein Steilpass. «Seht ihr», sagt er, «das ist, wie wenn einer den Anhänger voll Mais auf die Waage fährt. Dann zeigt diese auch nicht das Gewicht des Maises an. Da ist noch das Gewicht des Wagens dabei. Dem Mais allein sagt man «netto». Das ist altersdurchmischtes Lernen 3. / 4. plus. – «Jetzt noch ein kurzes Blitzlicht!» Der Lehrer hält drei Kärtchen hoch. «Es reicht noch gerade für eine Rückmeldung pro Karte. Die lustigste Situation?» Sonja meldet sich und nennt, was viele genannt hätten: «Chosle! – das mit dem Wasser.» – Die zweite Karte: «Was hätte der Lehrer anders machen können?» Für Silvio ist das klar: «Beim grünen Punkt mit dem iPad nicht hinschreiben: nur 1–mal.» Und zur Karte «Konnte ich heute gut arbeiten?» stellt Beni fest: «Bei den Versuchen war es schon ein bisschen laut.» Aufräumen, seine Sachen packen, sich verabschieden, dann verlassen die Mädchen und Knaben das Zimmer, vorbei an den roten Springseilen, die heute nicht zum Zug gekommen sind. Auf einem Pult liegt noch ein Themenbuch. Ich frage mich: «Was muss ein Lehrmittel leisten?» Eigentlich naheliegend: Es muss guten Unterricht unterstützen.

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