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Lehrmittel in einer digitalen Welt

Im Auftrag der Interkantonalen Lehrmittelzentrale ilz erstellte die PH Schwyz eine interessante Auslegeordnung zu Lehrmitteln in einer digitalen Welt. Seit Erscheinen des Berichts gibt dieser zu reden. Viel zu reden. 
Von Christian Graf.

Stellen Sie sich vor, der Staat finanziert die Lehrmittel, die den Schulen kostenlos und frei verfügbar angeboten werden. Oder hätten Sie lieber eine Flatrate für Lehrmittel nach dem Muster von Netflix oder Spotify? Dann doch lieber eine durch den Bund betriebene zentrale Verteilplattform für Lehrmittel der verschiedenen Verlage? Weshalb eigentlich keine staatliche Agentur für Lehrmittel, ein Einheitsverlag also? Was wäre, wenn sich im freien Lehrmittelmarkt grosse internationale Player durchsetzen und die Schaffung von Lehrmitteln in der Schweiz eingestellt würde?

Nicht erstaunlich, dass die sieben bewusst provokativen Zukunftsszenarien, die mittels fiktiven Medienberichten illustriert werden, besonders hohe Wellen geworfen haben. «Mit den Zukunftsszenarien wollten wir Diskussionen anregen, ohne selbst Bewertungen vorzunehmen, welche davon wir als wünschenswert betrachten», beschreibt Prof. Döbeli die Rolle der Verfasser. Ziel des Berichts war demnach, das Nachdenken über mögliche Entwicklungen anzuregen, also beispielsweise über die Strukturen der Lehrmittelentwicklung in der föderalen Schweiz. «Alle Beteiligten denken an den nächsten zwei Jahren herum, niemand hat Zeit, über die grossen Fragen nachzudenken», fasst Döbeli das aktuelle Ringen um die richtigen Schritte im Umgang mit der Digitalisierung im Lehrmittelbereich zusammen.

«Die Digitalisierung ist Auslöser eines Leitmedienwechsels, der alle Aspekte unseres Lebens betrifft. Im Bildungsbereich stehen dabei nicht nur die Zukunft von Lehrmitteln zur Diskussion, sondern auch die Ziele, Inhalte, Methoden und Strukturen der Volksschule. Es stellen sich diesbezüglich viele bildungspolitische Fragen, die ein Verständnis des digitalen Leitmedienwechsels voraussetzen. (...) Insbesondere Entscheidungsträger müssen sich somit vertieft mit dem Leitmedienwechsel in der Gesellschaft und in der Bildung auseinandersetzen», fordern die Autoren in einer der Empfehlungen am Schluss des Berichtes.

Ähnlich wie der Zukunftsforscher Georg Roos (vgl. profil 1/2019) plädieren auch die Autoren des ilz-Berichts angesichts der digitalen Entwicklung für die verstärkte Förderung von überfachlichen Kompetenzen in der Schule. So müsse «die Schule auf die Vermittlung nicht automatisierbarer Tätigkeit fokussieren», das Filtern von Informationen lehren, die Fähigkeit fördern, «ortsunabhängig in Teams zusammenzuarbeiten» und nicht zuletzt vermitteln, «wie man den Verlockungen von digitalen Ablenkungsmöglichkeiten widerstehen kann.» Der Bericht schliesst mit der zentralen Erkenntnis, «dass nur ein koordiniertes Vorgehen aller Akteure auch künftig die Verfügbarkeit qualitativ hochstehender Lehrmittel für die Schulen in der Schweiz garantieren kann.»

So informativ der ilz-Bericht ist, hinterlässt die Lektüre Irritation bezüglich der Empfehlungen. Sind diese nicht viel zu brav und zu allgemein? Beat Döbeli erklärt: «Es stimmt, die Empfehlungen sind brav, denn unser Auftrag bestand primär in der Analyse, nicht in der Bewertung. Letztlich muss die politische Diskussion Klarheit darüber bringen, welche Entwicklungen gefördert werden sollen. Mit den Szenarien wollten wir auf die Gefahr disruptiver Entwicklungen hinweisen.»

Eines schafft der Bericht auf jeden Fall: Er regt zu intensiven Diskussionen über die Entwicklung der Lehrmittel in einer digitalen Welt an.

Hier geht es zum ilz-Bericht: https://ilz.ch/bericht

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