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Jeden Monat einmal zur Schule gehen

Wie Urner Schülerinnen und Schüler italienisch lernen.
Von Verena Eidenbenz.

Bei frühlingshaftem Wetter spaziere ich in Altdorf zum Gymnasium, wo ich kurz vor 15.30 Uhr eintreffe. Viele Schülerinnen und Schüler strömen um diese Zeit zur nahe gelegenen Busstation, für sie ist jetzt Schulschluss. Eine kleine Gruppe wartet jedoch plaudernd und lachend vor einem Schulzimmer.

 

Wahlfach Italienisch

Acht Schülerinnen und Schüler der 1. Oberstufe/Gymnasium haben das Wahlfach Italie­­nisch gewählt. Einmal im Monat treffen sie sich mit ihrer Lehrerin, Frau Epp, zum Unterricht. Auf den Tischen liegt viel Material be­reit. Das Programm ist gedrängt, denn Frau Epp muss heute auch die Aufgaben für den internetbasierten Unterricht vorbesprechen, wie sie mir erklärt. Sie begrüsst die Lernenden und verteilt den Test, den sie vor einem Monat geschrieben haben. Bei einem Schüler hält sie inne und meint: «Ich glaube, du musst nochmals über die Bücher!» Der Schüler schaut etwas verunsichert. «Das hast du jetzt nicht geglaubt, oder? Stimmt natürlich nicht, du hast wieder mit Bestnote abgeschnitten, bravo!» Auch die anderen Schülerinnen und Schüler erhalten Lob für ihre gute Arbeit. Frau Epp geht auf einige Aufgaben nochmals ein und erklärt die Schreibweise von Zahlen im Italienisch. Als Nächstes ergänzen die Schülerinnen und Schüler angefangene Sätze, indem sie die Verben in die entsprechende Person setzen. Die Aussprache der Wörter und die Konjugationen gelingen gut. Weiter geht es mit der Unità 4 «un nuovo compagno». In dieser Übung geht es darum, eine Person zu beschreiben. Sie hören dazu einen Text, und die Lehrerin vertieft die Aufgabe mit einem Beispiel. Nun arbeiten sie zu zweit, wählen im Lehrmittel «Amici d’Italia» in der entsprechenden Übung eine Person aus und beschrei­ben diese. Das Ergebnis tragen sie den Kolleginnen und Kollegen vor. Anhand eines Bildes bespricht die Lehrerin mit den Jugendlichen nochmals neue Wörter und die Ausspracheregeln. Mit dem abwechslungsreichen Unterricht gelingt es ihr, die Lernenden zu fesseln und die Schönheit der italienischen Sprache zur Geltung zu bringen. Sie geht auf die Jugendlichen ein, korrigiert einfühlsam, ermuntert und lobt viel. Auffallend oft wird gelacht und gescherzt, und so vergeht die Zeit wie im Flug.

In einem Chat kann sich die Klasse schriftlich austauschen, einander Fragen stellen und die Lösungen von Aufgaben vergleichen.

In der Freizeit italienisch lernen

Während die Schülerinnen und Schüler in Kleingruppen arbeiten, habe ich Gelegenheit, mit Svenja und Oliver ein paar Worte zu wechseln. Mich nimmt wunder, warum sie in ihrer Freizeit italienisch lernen. Beide hatten schon in der Primarschule den Italie­nischunterricht besucht und fanden es schade, einfach aufzuhören. «So kann ich mich in den Ferien besser verständigen», meint Svenja, und Oliver ergänzt, dass er schon ganz gut verstehe, wenn jemand nicht zu schnell spreche. «An einem Gespräch teilnehmen ist aber noch schwierig», meint er. Gespannt bin ich natürlich, wie sie den Online-Unterricht bewältigen. Die beiden erklären mir, dass sie ihre privaten Laptops verwenden, da der Unterricht ausserhalb der Schulzeit auf freiwilliger Basis stattfinde. Die Klasse arbeitet mit einer Adobeplattform. Immer dienstagabends pünktlich um 18.45  Uhr loggen sie sich ein. Damit alles gut klappt, sollten das Unterrichtsmaterial und die Hausaufgaben bereitliegen. «Während des Unterrichts sollten wir nicht noch nach Heften oder Aufgabenblättern suchen müssen», bemerkt Svenja. Ansonsten gestalte sich der Unterricht ähnlich wie im Klassenzimmer, erzählen sie. «Frau Epp kontrolliert und bespricht mit uns die Aufgaben, und wir lernen Neues dazu», führt Oliver aus. In einem Chat kann sich die Klasse schriftlich austauschen, einander Fragen stellen und die Lösungen von Aufgaben vergleichen. Die Lehrerin kann sich auch mit einzelnen Schülerinnen und Schülern austauschen, der Rest der Klasse ist dann auf stumm geschaltet und hört zu. Etwas erstaunt stelle ich fest, dass der Online-Unterricht offenbar für die Lernenden nichts Aussergewöhnliches ist. Ich frage sie deshalb nach Vor- oder Nachteilen zu herkömmlichem Sprachunterricht. Oliver meint: «Im Italienischen fangen wir nicht bei Null an, wir haben in der Primarschule schon einiges gelernt. Da wir nur einmal pro Woche Unterricht haben, weiss ich manchmal nicht mehr so genau, wo wir stehen geblieben sind. Das ist vielleicht ein kleiner Nachteil.» Svenja sieht vor allem Vorteile: «Im Italienischunterricht haben wir eine ganze Woche Zeit, um die Hausaufgaben zu lösen. Frau Epp teilt die Aufgaben gut auf, so sind es nie zu viele. Wir haben auch mehr Zeit, um uns auf einen Test vorzubereiten, das kommt mir sehr entgegen.» Ein weiterer Vorteil ist sicher, dass sie nicht jede Woche nach Altdorf reisen müssen. Auch den Unterricht im Klassenzimmer schätzen beide, denn sie lernen hier neue Kolleginnen und Kollegen kennen. Sie tauschen sich über die Aufgaben oder einen bevorstehenden Test aus und helfen sich gegenseitig. Die persönliche Begegnung mit der Lehrerin finden sie bereichernd. Alles positiv? «Ab und zu habe ich einfach keine Lust, wie in anderen Fächern auch», meint Svenja. «Wenn ich weiss, dass andere Kolleginnen oder Kollegen in ihrem Wahlfach vielleicht einen tollen Film schauen und ich habe einen Italienischtest, finde ich es natürlich nicht so lustig. Aber das ist zum Glück selten der Fall.» «Einmal musste ich einen Vortrag vorbereiten», erzählt Oliver, «da habe ich mich gefragt, wieso ich mir das mit dem Italienischunterricht antue. Aber schliesslich war es dann gar nicht so schlimm.»

 

Die Beziehung mit den Lernenden pflegen

Der Unterricht ist fast zu Ende. Die Lehrerin erklärt nochmals die Hausaufgaben, und alle verabschieden sich in guter Stimmung. Ein Schüler verwickelt sie allerdings noch in ein Gespräch. Er moniert, dass er sich im Online- Unterricht vernachlässigt fühle, da er wenig aufgerufen werde. «Oh, das muss ich mir notieren. Ich habe mir ja extra eine Liste angelegt, damit das nicht passiert», erklärt sie. «Dann liegt es wohl an mir. Ich habe mich auf der Liste absichtlich zuerst mit dem Nachnamen eingetragen, damit ich nicht immer als Erster drankomme!», meint er verschmitzt. Die Lehrerin nimmt sich Zeit, hört ihm aufmerksam zu, kommentiert lachend und beantwortet geduldig weitere Fragen, bis auch dieser Schüler sich verabschiedet. Gerne möchte ich von Frau Epp nun mehr über diese motivierten Schülerinnen und Schüler und das spezielle Unterrichtsmodell erfahren.

 

profil: Welche Schülerinnen und Schüler besuchen das Wahlfach Italienisch?

Frau Epp: Es sind sprachbegabte, starke Schülerinnen und Schüler, die das Gymnasium oder die Oberstufe besuchen. Die meisten lernten schon in der 5. und 6. Klasse Italienisch. Sie haben viel Potenzial und können selbstständig lernen. Wenn sie in den Sprachfächern nicht so stark wären, würden sie wohl schnell die Freude verlieren. Es gibt auch solche, die eine besondere Vorliebe fürs Italienische haben. 

 

Wie ist das Wahlfach Italienisch im Kanton Uri organisiert? 

Urner Schülerinnen und Schüler können im 5. und im 6. Schuljahr und im 9. Schuljahr Italienisch als dritte Fremdsprache lernen. Für das 7. und 8. Schuljahr wurde dieses gemeindeübergreifende Angebot ausserhalb der ordentlichen Unterrichtszeit geschaffen, da in den kleinen Oberstufen-­Schulgemeinden der Italienischunterricht sonst nicht zustande kommen würde. 

 

Wie ist das Unterrichtsmodell aufgebaut?

Nach einer kurzen Einführungsphase arbeiten wir seit 2014 mit diesem Modell. Es basiert auf dem Online-Unterricht, dem ­Unterricht im Klassenzimmer und dem ­Austausch mit einer Tessinerklasse. In der Anfangsphase wurden verschiedene Plattformen wie Skype in Erwägung gezogen. Wir haben uns dann für die Adobeplattform entschieden und sind sehr zufrieden damit. 

 

Wie haben Sie sich auf diese neue Art von Unterricht vorbereitet?

Um mich einzuarbeiten, besuchte ich verschiedene Schulungen. Wenn mit dem Online-Unterricht Probleme auftreten, die ich nicht selbst bewältigen kann, erhalte ich Support vom Leiter des Volksschulamts. Er hilft mir auch beim ersten Treffen mit den Schülerinnen und Schülern, die Plattform einzurichten. Anfangs war der Unterricht sehr anspruchsvoll, da ich auf keinerlei Erfahrungen zurückgreifen konnte. Mittlerweile habe ich mehr Übung, lerne aber laufend dazu.

 

Wie gestaltet sich der Unterricht mit der Adobeplattform?

Das erste Unterrichtstreffen findet am Samstagmorgen in der ersten Schulwoche statt. Die Schülerinnen und Schüler bringen ihre Laptops mit. Wir richten alles für die Arbeit mit der Plattform ein, sodass sie sich zu Hause problemlos einloggen können. Ich schicke ihnen jeweils eine E-Mail mit einem Link, den sie anklicken können. So müssen sie nur noch ihren Namen eingeben, um auf die Plattform zu gelangen. Auf dieser bereite ich für sie eine Powerpointpräsentation mit den Unterrichtsinhalten vor. Sie beinhaltet auch einen Chat, den wir für Schriftliches oder den Austausch benutzen. Anstatt auf der «Wandtafel» erkläre ich die Aufgaben mit meiner Präsentation. Manchmal lösen sie Aufgaben auch schriftlich in ihrem Heft oder Buch. Ich kann die Lernenden einzeln aufrufen und mir etwas vorlesen lassen. Die anderen sind auf stumm geschaltet und hören zu. Sie können auch «aufstrecken» und mir Fragen stellen. Einen Text, den sie gehört haben, können sie zu zweit oder zu dritt bearbeiten und beispielsweise vorlesen. Die Lernenden können sich, um Verben zu konjugieren, auf stumm schalten, sich selbst aufnehmen und mir eine Sprachnachricht schicken. Diese kann ich mir nach dem Unterricht anhören, und ich kann ihnen zu einem späteren Zeitpunkt Rückmeldung geben.

 

Benutzen Sie noch andere Online-Tools?

Wenn die Schülerinnen und Schüler einen Text schreiben, halten sie diesen ab und zu mit einem Foto fest und schicken ihn via Nachrichtendienst an mich. Ich schaue mir ihre Texte an, korrigiere sie und schicke sie ihnen zurück.

Natürlich diskutieren wir immer wieder über Vor- und Nachteile der eingesetzten Dienste und Apps. Sie müssen einfach zu benutzen und sinnvoll einsetzbar sein.

Alles in allem funktioniert der Online-Unterricht ähnlich wie der Unterricht im Klassenzimmer. Allerdings kann ich die Lernenden nicht so oft aufrufen, und ich habe nicht die gleich gute Kontrolle. Die Schülerinnen und Schüler müssen sehr viel mehr Eigenverantwortung für das Lernen übernehmen.

 

Was hat der Unterricht im Klassenzimmer für einen Stellenwert?

Das erste Treffen im Jahr ist ein ganz wichtiger Anlass für mich. An diesem Morgen muss es mir gelingen, die Schülerinnen und Schüler für die Sprache zu begeistern. Meine Theorie: Der Online-Unterricht funktioniert gut, wenn es mir in den monatlichen Treffen gelingt, die Schülerinnen und Schüler zu motivieren. Online ist der Unterricht weniger lebendig und die Resonanz weniger gut. Trotzdem kann ich sie weiterbringen, ihnen etwas vermitteln. Der Unterricht vor Ort lebt von den Beziehungen, den Stimmungen und ist direkter. Einmal im Monat Unterricht im Klassenzimmer ist zwar wenig, bringt aber auf der Beziehungsebene viel und hilft mir, die Freude am Lernen bei den Schülerinnen und Schülern aufrechtzuerhalten.

 

Wie gestaltet sich der Austausch mit der Tessiner Schulklasse?

Wir treffen uns einmal hier in Altdorf, und im darauffolgenden Jahr reisen wir nach Bellinzona. Die Treffen finden erst im Frühling statt, dann können sich die Schülerinnen und Schüler schon besser in der anderen Sprache verständigen. Im Herbst fahre ich mit allen ins Tessin. Wichtig ist, dass sie mit der italienischen Sprache in Berührung kommen. Letztes Jahr besuchten wir eine Magritte-Ausstellung in Lugano. Wir genossen eine sehr gute Führung. Danach liessen wir die Schülerinnen und Schüler Bildausschnitte auf Italienisch beschreiben. Meist gehört auch ein Interview zum Besuch im Tessin. Das kostet Überwindung. Der Austausch mit der Klasse ergänzt den Unterricht und ist eine gute Möglichkeit, sich mit der Sprache auseinanderzusetzen. 

Ich bin beeindruckt. Dem Kanton Uri gelingt es, zugeschnitten auf die Affinität der Jugendlichen zu Online-Medien eine strukturell bedingte Angebotslücke auf zeitgemässe Art zu schliessen.

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