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Lehrmittel im Kreuzfeuer der Interessen

Die Ansprüche an Lehrmittel sind hoch und vielfältig. Der techno­logische Wandel beeinflusst auch die Entwicklung von Lehrmitteln. Wie tiefgreifend und mit welchen Konsequenzen dies geschieht, darüber unterhalten sich vier Persönlichkeiten aus dem Bildungs­bereich.
Aufgezeichnet von Christian Graf.

 

profil: Welche Erinnerungen haben Sie an Lehrmittel aus ihrer eigenen Schulzeit?

 

Beat Petermann Bezirkslehrer, Schulleiter, Mitglied der Lehrmittelkommission Kanton Aargau, Co-Präsident VSL Aargau

Dagmar Rösler Primarlehrerin, seit 1. August 2019 Präsidentin des LCH

Erwin Sommer ehemaliger Lehrer, Vorsteher des Amts für Kindergarten, Volksschule und Beratung der Erziehungsdirektion des Kantons Bern

Bernhard Kobel Geschäftsführer Schulverlag plus AG

Beat Petermann Ich kann mich an kein Lehrmittel aus der Primarschulzeit erinnern, wohl aber an jene der Mittelschule. Diese waren damals sehr modern. Das Französisch­lehrmittel war ein Buch aus Frankreich. Es war meines Wissens das erste einsprachige Lehrmittel. Das war für uns Schüler speziell, da wir relativ wenig verstanden.

Dagmar Rösler Ich kann mich an das Erstleselehrmittel im Kanton Solothurn erinnern. Es hiess «Anneli und Hansli». An spätere Lehrmittel der Primarschule habe ich keine Erinnerung. Ich glaube, das hat damit zu tun, dass wir damals sehr viel mit Arbeitsblättern arbeiteten.

Erwin Sommer Spontan fällt auch mir der Leselehrgang aus der Unterstufe ein. Ansonsten ist mir vor allem die Wandtafel in Erinnerung geblieben, weil man mit dem Schwamm Sachen entfernen konnte, wenn etwas nicht stimmte. Ich kann mich an verschiedene Lehrmittel erinnern, vor allem an Bücher über Experimente. Mit den Ingold-Materialien konnte man etwas selbst herausfinden, erforschen oder beobachten und Hypothesen dazu aufstellen.

Bernhard Kobel Ich kann mich an kein Lehrmittel der Primarschule erinnern. Aus der Sekundarschule erinnere ich mich an «Ici Fondeval». Ich fand es ein fürchterliches Buch. Ich hatte überhaupt nicht das Gefühl, eine Sprache zu erlernen.

 

Welche Ansprüche hatten oder haben Sie als Lehrperson an Lehrmittel?

Beat Petermann Während des Studiums begann ich sehr schnell zu unterrichten. Mir war es sehr wichtig, ein praxisorientiertes Lehrmittel zu haben und nicht noch drei Lehrerbände zusätzlich lesen zu müssen. Später war mir als Fremdsprachenlehrer mehr und mehr auch authentisches Material wichtig. 1977 ging ich noch mit dem Tonbandgerät ins Welschland und in den englischsprachigen Raum und führte Interviews. Ich habe die Leute erzählen lassen. Diese Aufzeichnungen haben wir dann im Unterricht verwendet. Ich hatte nie die Erwartung, ein Lehrmittel müsse alles abdecken. Ich möchte vielmehr eine Menge Material aus verschiedenen Bereichen und Verlagen einsetzen können.

Dagmar Rösler Ich mag Lehrmittel, die es schaffen, die Neugierde, die Begeisterung und die Kreativität der Schülerinnen und Schüler für eine Sprache oder für die Auseinandersetzung mit Zahlen zu wecken. Lehrmittel, die Abwechslung bieten und die Methodenfreiheit nicht einschränken.

Erwin Sommer Ein Lehrmittel soll Neugier und Freude wecken, die Kinder abholen können, das ist auch mir sehr wichtig. Ein Lehrmittel muss praktisch und selbsterklärend zu verwenden sein. Es muss einen roten Faden haben, gut recherchiert und fehlerfrei sein. Gerade im Zusammenhang mit digitalen Medien ist es mir ein Anliegen, dass Lehrmittel in der Anwendung und Handhabung möglichst einfach sind und man nicht zuerst unzählige Codes eingeben muss.

Bernhard Kobel Ich habe nie unterrichtet, kann aber als Vater meine Erwartungen formulieren. Ich habe von den Lehrmitteln, die mein Sohn nach Hause gebracht hat, nicht alle verstanden. Ich vertraue darauf, dass sie gut sind und die Lehrpersonen unterstützen, anregenden Unterricht vorzubereiten.

Bernhard Kobel
Die Ansprüche, die heute an ein Lehrmittel gestellt werden, sind enorm gestiegen. Das System steht extrem unter Spannung.

 

Wie fallen heute die Reaktionen auf neue Lehrmittel aus?

Dagmar Rösler Im Französisch sind Diskussionen im Gange, weil in diesem Fach nicht nur die Lehrmittel neu sind, sondern sich zusätzlich auch die Didaktik geändert hat. Es braucht Zeit, bis man als Lehrperson eine neue Didaktik verinnerlicht hat und sich sicher fühlt. Neue Lehrmittel stossen aber nicht immer auf Ablehnung. Ich erlebe in vielen Schulen viel Begeisterung, zum Beispiel für das neue Lehrmittel «Mathwelt». Das hat auch damit zu tun, dass Obligatorien aufgeweicht wurden und man sich auf Neues einlassen kann.

Erwin Sommer An der Entwicklung sind ja immer Lehrpersonen und Fachdidaktikerinnen und -didaktiker beteiligt. Deshalb staune ich immer, dass es solche Aufschreie gibt, wenn ein neues Lehrmittel auf dem Tisch liegt.

Bernhard Kobel Mir fällt auf, dass die Ansprüche, die man heute an ein Lehrmittel hat, enorm gestiegen sind. Kantone erwarten, dass ein Lehrmittel hilft, den Lehrplan umzusetzen. Von den Lehrpersonen wird eine Entlastung in der Vorbereitung und Unterstützung im Unterricht erwartet, weil die Zeit dafür aufgrund zunehmender administrativer und kommunikativer Aufgaben wegschmilzt. Klassen sind heterogener, und darauf soll man reagieren können. Auch seitens der Politik werden neue Anforderungen an die Schule gestellt. All das bewirkt, dass das ganze System extrem unter Spannung steht.

Dagmar Rösler
Wer entscheidet, welche Infrastruktur es braucht, wer bezahlt was?

 

Täuscht der Eindruck, dass Lehrmittel aktuell stärker im Fokus der Politik stehen?

Dagmar Rösler Ich habe die Erfahrung gemacht, dass einige Gruppierungen, die gegen die Einführung des Lehrplans 21 waren, jetzt versuchen, einen Fuss in der Tür zu haben, indem sie Inhalte in den Lehrmitteln kritisieren.

Beat Petermann In der Aargauer Lehrmittelkommission ist es selbstverständlich, dass wir bei Lehrmittelevaluationen ein Auge auf mögliche politisch heikle Aussagen oder Setzungen werfen. Das finde ich auch richtig, denn Lehrmittel haben ausgewogen zu sein. Am Schluss darf es aber nicht sein, dass ein gutes Lehrmittel an irgendeinem fragwürdigen Detail scheitert. Ich erwarte, dass Lehrpersonen mit heiklen politischen Themen souverän umgehen und kontroverse Meinungen aus unterschiedlicher Perspektive beleuchten können.

Erwin Sommer Ausgewogenheit in Bezug auf politische Gesinnung, Konfessionen usw.  – das ist ganz wichtig. Nebst Flexibilität müssen wir Schulen aber auch Qualitätskriterien anbieten, gerade im Hinblick auf die Nutzung unredigierter digitaler Opensource-Angebote. Was sind Kriterien für gute Tools? Wie identifiziert man Fake-News? Qualität zu garantieren, stellt eine der grössten Herausforderungen dar.

Erwin Sommer
Es muss gewährleistet sein, dass ich jederzeit ein digitales Lern­mittel nutzen kann.

 

Was halten Sie vom zunehmenden Einsatz digitaler Mittel im Unterricht?

Erwin Sommer Ich finde es wichtig, dass ich mir als Lehrperson vor dem Einsatz digitaler Mittel überlege, was deren Mehrwert ist. Ich habe kürzlich über eine Studie gelesen, die besagt, ein haptisches Objekt, zum Beispiel ein Buch, verstärke die Erinnerung an den Inhalt. Digitale Mittel stellen eine grosse Chance dar bei adaptiven Lernsystemen. Ein Kind soll nicht hundertmal dasselbe wiederholen, wenn es den Stoff bereits beherrscht. Meiner Meinung nach muss gewährleistet sein, dass ich jederzeit ein digitales Lernmittel nutzen kann, und nicht nur dann, wenn per Zufall der Koffer mit den Tablets frei ist, sondern dann, wenn es Sinn macht oder ich etwas haben muss. In diesem Zusammenhang ist mir Fides ein grosses Anliegen, die Föderation von Identitätsdiensten für den Bildungsraum Schweiz. Sie hat zum Ziel, einen förderorientierten, sicheren Zugang zu den genutzten Onlinediensten zur Verfügung zu stellen. Wenn Fides nicht national eingeführt wird, müssten es die Kantone tun. Sicher ist: Der Leitmedienwechsel wird stattfinden. Dabei ist es wichtig, dass man ihn durchdacht angeht und immer nach dem Mehrwert fragt.

Beat Petermann Monokultur ist nirgends gesund, und sie ist es auch in der Schule nicht. Jedes Lehrmittel ist letztlich ein Medium. Es vermittelt etwas. Wenn ich beobachte, welche Lehrmittelentwicklungen in den letzten 40 Jahren stattgefunden haben, dann ist die Digitalisierung einfach eine weitere Entwicklung. Letztlich geht es immer darum, dass die Jugendlichen mit dem, was ihnen zur Verfügung gestellt wird, einen möglichst hohen Lerneffekt erzielen.

Bernhard Kobel Ich sehe im digitalen Bereich eine Möglichkeit, die man bei den herkömmlichen Lehrmitteln nicht hatte: das vernetzte Zusammenarbeiten. Ja, die Lehrmittel werden digitaler und ja, wir müssen in Zukunft anders darüber befinden, was Kinder wissen und können müssen. Für mich ist es kein Entweder-Oder. Am ilz-­Expertenbericht «Lehrmittel in einer digitalen Welt» (vgl. Seite 34 dieses Magazins, Red.) stört mich, dass nur das Digitale darin vorkommt. Auch in Zukunft wird Digitales und Analoges nebeneinander bestehen. Gewinnbringend ist es, das Alte mit den Vorteilen des Neuen zu kombinieren. Das gilt für Unterrichtsmethoden wie für Lehrmittel und Materialien.

Erwin Sommer Die Vorteile digitaler Mittel liegen sicher im kooperativen Lernen. Zusammen an einem Dokument, einem Vortrag, einer Präsentation zu arbeiten, wird einfacher. Zusammenarbeit und menschliche Beziehungen sind das, was uns als Menschen weiterhin ausmacht.

Dagmar Rösler Die Schwierigkeit ist, dass Lehrmittelverlage warten müssen, bis die Infrastruktur für digitale Lehrmittel in den Schulen eingerichtet ist. Dies wiederum ist ein Problem der Kantone und Gemeinden: Wer entscheidet, welche Infrastruktur es braucht, wer bezahlt was?

Beat Petermann
In der Binnen­diffe­renzierung liegt eine grosse Chance der Digitalisierung.

 

Der erwähnte ilz-Expertenbericht entwirft fiktive Szenarien, die aufzeigen, welche Entwicklungen sich im Umfeld von Lehrmitteln ergeben könnten. Zum Beispiel eine Marktkonzentration mit einer Monopolisierung des Lehrmittelmarkts. Der Schritt zur Idee eines Einheitslehrmittelverlags wäre nicht mehr weit.

Bernhard Kobel Diese Szenarien sind für mich nicht realistisch, weil sie teilweise Rea­litäten ausblenden. Ein staatlicher Verlag zum Beispiel, der alle Inhalte setzt, ist in der föderalistischen Schweiz eine Illusion. Schulen sollten selbst entscheiden können, welche Infrastruktur sie brauchen und wie sie die digitalen Hilfsmittel einsetzen wollen.

Erwin Sommer Die Lizenzierung und Qualitätskontrolle ist bei einem einzigen Lehrmittel einfacher zu überprüfen als bei mehreren. Andererseits habe ich ein Problem mit allem Monopolismus, ich bevorzuge Vielfalt. Als liberal denkender Mensch mag ich den Wettbewerb und die Vorstellung, das Bessere überlebe. Ich bin aber besorgt darüber, ob unsere Schweizer Verlage den Leitmedienwandel überleben oder nicht. Denn man investiert Millionen, aber das Geld fliesst nicht mehr zurück, weil alles gratis erhältlich ist.

Bernhard Kobel Mich beschäftigt die Frage, ob wir uns in Zukunft in der kleinen Deutschschweiz noch zwei bis drei Lehrmittel in den wichtigsten Fächern leisten können. Alle sieben Jahre muss man die Plattformen technisch wieder erneuern. Das heisst, man investiert nochmals 30–40 % der Erstinvestition. Ich glaube, dass die Anzahl Lehrmittel aufgrund finanzieller Sachzwänge, die die Digitalisierung auslöst, abnehmen wird. Es gibt immer noch viele Menschen, die das Gefühl haben, im Internet sei alles gratis. Sie haben nicht begriffen, dass sie nicht mit Geld, sondern mit der Preisgabe ihrer Daten bezahlen. Dass man das eigentlich nicht mehr will, sondern bereit ist, für das zu zahlen, was man effektiv nutzt – diese Einsicht wächst nur langsam. Sie ist für uns Lehrmittelverlage aber eine wichtige Voraussetzung, um überhaupt in die Digitalisierung der Lehrmittel einsteigen zu können.

Erwin Sommer Höchst interessant sind die sogenannten MOOCs – Massive Open Online Courses. Das ist ein kostenloser Service, der herkömmliche Wissensvermittlung mit Foren verbindet, in denen Dozierende und Studierende in virtuellen Gruppen lernen. Im Hintergrund wird geschaut, wer welches Tool benutzt. Es wird überprüft, was die Studierenden für Abschlüsse machen. Dann kann man genau sagen: Wer das und jenes nutzt, wird mit grösserer Wahrscheinlichkeit Erfolg haben. Das ist Big Data. Totale Überwachung. Aber etwas, das in Zukunft wahrscheinlich mehr und mehr zum Einsatz kommen wird, auch in Schulen.

Dagmar Rösler Ich glaube, Lehrmittelverlage haben in Zukunft grosse Chancen, die riesige Fülle an Informationen und Daten zu überprüfen und bereitzustellen. Denn als Lehrperson muss man sich auf die Richtigkeit der Lerninhalte verlassen können.

 

Welches sind Ihre Visionen von künftigen Lehrmitteln?

Dagmar Rösler Lehrerinnen und Lehrer wünschen sich Lehrmittel, die sie möglichst breit unterstützen. Der Unterricht ist das Hauptgeschäft von Lehrerinnen und Lehrern. Es müsste Lehrmittel geben, mit denen Schülerinnen und Schüler selbstständig arbeiten können und die verschiedene Niveaus abdecken. Hierbei ist die Digitalisierung hilfreich, weil man sie adaptiv aufbereiten kann. So könnte zum Beispiel auch die Förderlehrperson einer Klasse mit den gleichen Lehrmitteln arbeiten. Dies wäre eine grosse Erleichterung für die gemeinsame Vorbereitung.

Beat Petermann Ja, die Binnendifferenzierung sollte im Lehrmittel enthalten sein, darin liegt eine grosse Chance der Digitalisierung. Ich wünsche mir, dass man auch weiterhin den Mut hat, inhaltlich anspruchsvolle Lehrmittel auf den Markt zu bringen, die auch Lernende herausfordern, die leistungsfähig und leistungsbereit sind. Ich erwarte von Verlagen, dass sie die bisherigen Qualitätsansprüche als Wert zu verteidigen versuchen und sich hinstellen und sagen, dass dies etwas kostet.

Erwin Sommer Ich habe drei Wünsche. Fides und die Hoffnung, dass der Schulverlag sich im Vertrauensraum bewegt. Ich würde mir zweitens wünschen, dass alle digitalen Lehrmittel möglichst einfach sind hinsichtlich der Lizenzierung. Drittens hoffe ich, dass es den Schulverlag noch möglichst lange gibt und dass er die Flexibilität behält, mit der er auf Schulen zugeht. Wir sind ein Kanton mit Mehrjahrgangsklassen, und wir brauchen dafür Lehrmittel. Die Offenheit, Flexibilität und die Dialogbereitschaft mit Lehrpersonen sollte erhalten bleibt. Das bekommt man nicht bei Google oder Amazon. Diese Konzerne interessiert es nicht, wie es zum Beispiel den Langnauern geht.

Bernhard Kobel Ich wünsche mir, dass die Lehrmittel der Zukunft noch mehr Hilfsmittel sind für Lehrpersonen, um erfolgreich für sich und die Lernenden den Unterricht zu gestalten. Wenn wir das als Schweizer Verlag schaffen, und da gehört Qualität, Sorgfalt und Austausch dazu, dann bin ich gewiss, dass es uns weiterhin braucht.

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