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Meine Arbeit mache ich selbst!

Meine Arbeit mache ich selbst!

Von Lehrpersonen vorbereitete und gestaltete Arbeitsblätter sind weitverbreitet. Demgegenüber steht die «Didaktik des weissen Blattes»: Sie geht davon aus, dass Arbeitsblätter leere Blätter sind.
Von Christian Graf.

Wer kennt es als Lehrperson nicht, das Schlüsselerlebnis im Unterricht. Bei Hannelore Zehnpfennig geschieht es in den 90erJahren. Als Primarlehrerin hat sie ihren Unterricht schrittweise geöffnet, neue Methoden wie den Werkstattunterricht eingeführt, mit dem Ziel, die Schülerinnen und Schüler selbstständiger arbeiten zu lassen, ihnen mehr Verantwortung für das eigene Lernen zu übertragen. Und dann passiert es: Während der Arbeit in freier Form fragt ein Schüler unvermittelt, ob er denn auch einmal etwas selbst erarbeiten könne. Hannelore Zehnpfennig wird sich bewusst, dass sie weitergehen muss. Zusammen mit ihrem Mann, einem Soziologen, entwickelt sie die «Didaktik des weissen Blattes». Diese geht davon aus, dass die Kinder auch bei der Wahl der Inhalte mitentscheiden können. Anstelle von fertigen Lehrmitteln und Arbeitsblättern stellen die Lernenden ihr Unterrichtsmaterial selbst her. Sie arbeiten allein oder mit anderen Kindern. Ihre Arbeit dokumentieren sie auf einem weissen Blatt und zeigen, welche Kompetenzen sie dabei erworben haben. Zehnpfennig fasst ihre Grundidee wie folgt zusammen: «Das leere Blatt fordert oder provoziert geradezu die kindliche Phantasie, es zu füllen. Wie, das sagt ihm weder das leere Blatt noch sagen wir’s. Das Kind muss selbst entscheiden und gestalten.» Die Ideen der deutschen Lehrerin finden zunehmend ihren Weg in (altersdurchmischte) Schulen der Schweiz und erweitern das Lernen an der gleichen Sache. Die «Didaktik des weissen Blattes» ergänzt Einführungen und Vermittlung durch die Lehrperson. Die folgenden zwei Beispiele aus der Praxis von Heidi Gehrig als Lehrerin und PH-Dozentin illustrieren die schrittweise Umsetzung der «Didaktik des weissen Blattes».

 

Wir lernen systemisch denken (Mittelstufe)

Im Klassenkreis wird exemplarisch der Kreislauf «Vom Ei zum Huhn» besprochen und visualisiert. Die Kinder der Mittelstufe zeichnen den Kreislauf in ihr (leeres) Themenheft. In Zweiergruppen setzen sich die Lernenden anhand eines Buches mit weiteren Kreisläufen in der Natur auseinander. Sie wählen einen Kreislauf aus, zeichnen und beschreiben ihr Beispiel im Heft und stellen das Ergebnis ihrer Arbeit der Klasse vor. Nach der Präsentation beantworten sie Fragen und nehmen Rückmeldungen und Anregungen für die Weiterarbeit entgegen. Zum Abschluss halten sie in einem Bericht fest, was sie aus der Arbeit eines Mitschülers, einer Mitschülerin zusätzlich gelernt haben (Bild 3). Das Zusammenspiel des Von- und Miteinander-Lernens führt zu eindrücklichen Ergebnissen. Zum Abschluss der gesamten Unterrichtseinheit «Systemdenken» schreiben die Schülerinnen und Schüler einen Lernbericht zu den zwei vorgegebenen Kompetenzen «Ich behalte den Blick aufs Ganze» und «Ich betrachte die Dinge von verschiedenen Seiten» (Bild 4).

Das Zusammenleben gemeinsam gestalten (Schwerpunktstudium PHSG)

Die Studierenden der PH St.Gallen wählen im 2. und 3. Jahr Schwerpunktstudien nach Interessen. Diese Wahlangebote dauern ein Semester. Im Modul «Das Zusammenleben gemeinsam gestalten» dokumentieren und reflektieren die Studierenden ihre Arbeit mit «Lapbooks», «Büchern», die entstehen, während man sich mit einem Thema beschäftigt. Ausgangspunkt ist dabei ein leeres, farbiges A3-Blatt. Teil um Teil wird das Gelernte (Notizen, Texte, Bilder, Zeichnungen, Darstellungen usw.) angefügt. Nach ein paar Wochen werden die Lapbooks in der gesamten Lerngruppe präsentiert und angeschaut. Die Studierenden schreiben ihren Kolleginnen auf Post-it-Zetteln kurze Rückmeldungen. Nach der Blockwoche entscheiden sich die Studierenden für ein eigenes Projekt als Modulnachweis und machen auch dazu einen kurzen Eintrag im Lapbook. Es entstehen wahre Kunstwerke, denen einzig gemeinsam ist, dass sie mit einem goldenen Blatt enden, auf dem individuell zentrale Erkenntnisse und Inhalte des Schwerpunktstudiums festgehalten werden. Die Beispiele zeigen, was möglich ist, wenn die Eigenproduktion der Lernenden zum Herzstück des Unterrichts gemacht wird. Und falls noch Zweifel bestehen: In mehreren Tests lagen die Lernenden von Zehnpfennig leistungsmässig weit vor denjenigen aus Vergleichsklassen. Sich mit der Idee und den Herausforderungen (primär für die Lehrpersonen) der «Didaktik des weissen Blattes» zu beschäftigen, lohnt sich auf jeden Fall. Mehr Information und Beispiele finden Sie auf www.profil-online.ch.

   

 

Literatur zur Didaktik des weissen Blattes:

  • Zehnpfennig, H./ Zehnpfennig, H. (1992): Was ist «Offener Unterricht». In: Landesinstitut für Schule und Weiterbildung (Hrsg.): Schulanfang. Soest: Landesinstitut für Schule und Weiterbildung, S. 46–60.

  • Peschel, F. (2011): Offener Unterricht. Idee, Realität, Perspektive. Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren, S. 111–128.

  • Gehrig, H. (2018): Individualisierende Gemeinschaftsschule. Bern: Schulverlag plus.