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«In diesem Alter spielte ich noch mit Barbiepuppen»

«In diesem Alter spielte ich noch mit Barbiepuppen»

Schulsozialarbeitende sind mit vielfältigen Themen aus der Lebenswelt
von Kindern und Jugendlichen konfrontiert. Welche Sorgen und Nöte dominieren, beschreibt die 28-jährige Schulsozialarbeiterin Laura Cardinale. Und macht im Gespräch eine überraschende Entdeckung. 
Von Christian Graf.

 

profil: Welche Unterschiede gibt es zwischen Schülerinnen und Schülern heute und denjenigen Ihrer eigenen Schulzeit?

Einen grossen Unterschied machen die sozialen Medien. Ich erhielt mein erstes Handy gegen Ende meiner Schulzeit, ich konnte damit kaum mehr als telefonieren und Nachrichten schreiben. Der Umgang mit den sozialen Medien ist eine neue Herausforderung für heutige Jugendliche. 

Die heutigen Jugendlichen stehen auch in anderen Themen an einem ganz anderen Ort. Sie sind früher reif. Letzte Woche erlebte ich dies in einem Aufklärungsworkshop in einer 6. Klasse. In diesem Alter spielte ich noch mit Barbiepuppen.

 

Welche Themen beschäftigen die Schülerinnen und Schüler heute am meisten?

In der Oberstufe geht es häufig um Fragen der Identitätsfindung und um Selbstbehauptung. Ich stelle eine grosse Verunsicherung und eine grosse Ambivalenz fest. Dabei geht es häufig um Geschlechterrollen oder um den Umgang mit Beziehungen und Sexualität. Ein durchgehendes Thema ist die Spannung zwischen Ablösung und dem gleichzeitigen Bedürfnis nach Anerkennung. Konflikte mit den Eltern sind daher häufig Auslöser, dass sich Jugendliche der Oberstufe bei mir anmelden. 

In der Mittelstufe dominiert das Thema Freundschaft, die Sorge, dazuzugehören und beliebt zu sein. In diesem Zusammenhang spielt Mobbing eine wichtige Rolle.

Bei jüngeren Kindern geht es häufig um das Befinden in der Klasse und die Sorgen der Kinder (und deren Eltern), ihren Platz im System Schule zu finden. Verhaltensauffälligkeiten von Kindern sind hier ein dominierendes Thema, mit dem ich als Schulsozialarbeiterin konfrontiert bin.

 

Stellen Sie bezüglich der Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen Unterschiede zwischen Schulstandorten und Geschlechtern fest?

Die belastenden Themen und die grundsätzlichen Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen während der Schulzeit unterscheiden sich nicht zwischen ländlichen oder städtischen Regionen. Neu auftretende Themen kommen aber unterschiedlich rasch in den Schulen an. Dabei kommen genauso viele Knaben wie Mädchen in die Beratung – vor allem in der Unter- und Oberstufe. In der Unterstufe geht es den Kindern, abgesehen von den alltäglichen Konfliktsituationen, vor allem darum, eine Eins-zu-eins-Betreuung zu erhalten, bei der sie die volle Aufmerksamkeit geniessen. Während die Mädchen in der Unterstufe stereotypisch «Zickenkriege» haben, geht es bei den Knaben oft um Gerangel. Bei beiden Geschlechtern geht es aber letztlich um die Erarbeitung adäquater Konfliktlösungsstrategien. Lernende der Mittelstufe begleite ich oft bei den Themen Selbstregulation, Selbstwirksamkeit und bei der Frage, wie sie ihre Meinung äussern können.

Lehrpersonen sind Teil des Systems, und ihre Beziehung zum Kind wird zum Thema.

Welches war Ihr grösstes Erfolgs­erlebnis als Schulsozialarbeiterin?

Bei einem Knaben wurde in der 1. Klasse eine Autismusspektrumsstörung diagnostiziert. Er brachte die Lehrerin und die ganze Klasse an die Grenze, tobte, fühlte sich von niemandem verstanden. So kam der Siebenjährige zu mir. Irgendwie habe ich den richtigen Zeitpunkt, die richtige Methode und die richtigen Karten gewählt. Jedenfalls fand ich Zugang zu seinem Innern, der Knabe konnte mir erklären, wie er «funktioniert», sprach von den bösen und guten Tieren in ihm. Dann leistete ich Übersetzungsarbeit und erklärte den Eltern und der Lehrperson, wie sich der Knabe fühlt und was er braucht. Die Eltern waren sehr froh darüber und attestierten mir, ich sei die erste Fachperson, der es gelungen sei, ihren Sohn zu verstehen und dies auch verständlich zu kommunizieren. Die Situation beruhigte sich rasch, und das Kind zeigte mir immer wieder seine Dankbarkeit für die gemeinsame Arbeit.

 

Und welches waren die schwierigen Momente?

Zwei Situationen kommen mir spontan in den Sinn. Wenn Lehrpersonen mir einen Beobachtungsauftrag geben, mache ich immer auch deutlich, dass sie selbst auch Teil des Systems seien und daher auch ihre Beziehung mit dem Kind zum Thema werden kann. Wenn sich dann zeigt, dass in diesem Bereich tatsächlich Schwierigkeiten vorliegen, muss ich dies kommunizieren. Häufig entsteht dann ein kleiner Loyalitätskonflikt, denn obwohl ich möglichst allparteilich agiere, zieht es mich häufig stark zu den Kindern und Jugendlichen, weil diese noch mehr Unterstützung brauchen und ihre Erfahrungen noch machen müssen. Wenn Kinder und Jugendliche bedürftig sind und gut erklären können, was sie brauchen, aber deren Eltern sich nicht kooperativ zeigen, entsteht ebenfalls ein schwer aushaltbares Spannungsfeld. Dann bleibt nur noch, den Kindern aufzuzeigen, dass die Eltern nicht zu verändern sind, sie also selbst versuchen müssen, Strategien zu finden. Aber wie erklärt man das einem Erstklässler oder einer Zweitklässlerin?

 

Was würden Sie Ihrem eigenen Kind mitgeben, wie es mit der Rolle «Schüler» umgehen soll?

Ich habe diese Erfahrung bisher nicht gemacht, bin mir aber sicher, dass ich die Mutterrolle einnehmen würde. Allerdings wünschte ich mir, meine Erfahrungen als Schulsozialarbeiterin in die Gestaltung der Mutterrolle einfliessen zu lassen. Den Schlüssel zu den Kindern und Jugendlichen finde ich immer durch Interesse, Zuwendung, Verständnis, Anerkennung und Bestärkung im Gefühl: Du bist ok. Ich gebe den Kindern und Jugendlichen keine Tipps, sondern frage nach deren eigenen Ideen für Veränderungen und Verbesserungen. Ich aktiviere ihre Ressourcen.

Laura Cardinale hält plötzlich inne, lacht und sagt: Ja, jetzt geht mir etwas auf: Genau das eigentlich, was meine damalige Lehrerin mit mir gemacht hat!

 Laura Cardinale, Schulsozialarbeiterin

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