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Schule – so ging das Spiel

Schule – so ging das Spiel

Ist Schule, was Jugendliche daraus machen? Ein Gespräch mit zwei jungen Männern, die die Chance hatten, das so sehen zu können.
Von Werner Jundt.

Vor ein paar Wochen haben Jonas und Cyril noch die Schulbank gedrückt. Jetzt – nach bestandener Matura – interessieren sie mich als Experten in Sachen «Schüler sein». Ich unterhalte mich mit den beiden über Schülerrollen. «Meine Hauptrolle?» Jonas lacht. «Am ehesten die des Entertainers. Die hatte ich eigentlich schon seit Ende der Primarschule. Da bin ich einfach so reingerutscht, weil es mir entspricht.» Cyril lacht zustimmend und Jonas fährt fort: «In den unteren Schuljahren war ich meistens unterfordert, da hatte ich viel Zeit, diese Rolle zu üben. Es ging nicht darum, den Unterricht zu stören; einfach ein bisschen Pep dreinbringen. Leute zum Lachen zu bringen, auch die Lehrer.» – «Und die haben mitgelacht?» – «Einige schon.» Cyril ergänzt: «Wenn man die Lehrpersonen länger kennt, weiss man, in welchen Situationen man aufpassen muss und wo man Spielraum hat; auch, bei welchen Lehrern man sich überhaupt etwas erlauben darf und bei welchen nicht.» – «Was habt ihr euch denn so ‹erlaubt›?»

 

Schule würzen

«Was wir immer wieder gemacht haben:», erinnert sich Cyril, «Bei Powerpointpräsentationen einander Bildchen in die Folien schmuggeln. Beim Vortrag tauchte dann plötzlich etwas Unerwartetes auf der Leinwand auf. Meistens fanden die Lehrpersonen das auch lustig; und bei den strengen war es eine besondere Herausforderung.» Ich will von Cyril wissen, ob er auch eine markante Rolle gehabt hat. «Ich war ja eher der ernsthaftere Typ. Aber für Unterhaltung sorgen war mir nicht fremd, halt mehr situationsabhängig. Wenn wir zum Beispiel am Montagnachmittag im Deutsch untereinander plötzlich nur noch in Gedichtform kommunizierten, habe ich gerne mitgemacht; und mich dann halt weniger auf den eigentlichen Unterricht konzentriert.» Jonas erwähnt ein anderes Spiel: «In Geschichte – da gaben wir uns gegenseitig Begriffe, die man dann in der Stunde anbringen musste. Cyril hat mal ‹Rübenfeld› erhalten und es dann meisterhaft untergebracht.» – «Ja, da war so ein mittelalterliches ärmliches Dorf, und ich sagte, das sei ja wohl noch nicht ganz fertig, es sehe eher aus wie ein Rübenfeld.» Die beiden lachen. «Am schönsten war’s natürlich, wenn die Lehrperson das gar nicht merkte!»

 

Rollen und Clichées

«Gab’s auch ernsthaftere Rollen? Vielleicht solche, die man einfach spielen musste?» – «Müssen nicht», meint Jonas, «aber natürlich lebt man als Gymeler einfacher, wenn man sich angepasst gibt. Wir hatten ja auch Kollegen, die gingen schon in Richtung ‹Musterschüler›. – Und dann gibt’s ja auch noch die wirklichen Genies. Das ist wieder etwas anderes. Wir hatten Jöggi. Wenn du nicht drauskamst, fragtest du den. Erst wenn der’s auch nicht wusste, gingst du zum Lehrer. Und weil immer alle den Jöggi gefragt haben, ist der so in die Genie-Rolle hineingewachsen.» – «Die Rolle des Musterschülers kam für euch nicht in Frage?» – «Nie im Leben», wehrt sich Jonas, «das passt nicht zu mir.» Cyril sieht sich ein wenig anders: «Ich hatte je nach Situation vielleicht etwas Musterschülerhaftes. Wenn wir zum Beispiel in einer Gruppe etwas vorbereiten mussten und einfach so vor uns hin trödelten, habe ich die anderen etwa zu mehr Ernsthaftigkeit aufgefordert.» – «In einer solchen Situation mache ich dann grad lieber alles selbst», wirft Jonas ein. «Gibt es Rollen, die einem angehängt werden?», will ich wissen. Cyril sagt: «Die anderen haben zum Teil so ein Bild von dir; das ist ja dann oft auch nicht ganz falsch, aber eben überzeichnet. Zum Beispiel die Schülerinnen und Schüler der verschiedenen Gymertypen, die ‹wissen›, wie die jeweils anderen sind. Wenn du die GH-ler* fragst, was ein PAM-Schüler* ist, sagen die dir: ‹Gamer und Streber, Musterschüler, hoher IQ, aber sozial inkompetent, sitzt dauernd vor dem PC, kann vier bis fünf Programmiersprachen und wartet jeden Tag 10 Minuten vor Unterrichtsbeginn auf den Lehrer.›» – «Und umgekehrt?», frage ich. – «GH? So mehr Hippie-Style – und – ja halt vielleicht schon ein bisschen weniger …» Der Rest des Satzes bleibt unausgesprochen.

* GH: Geistes- und Humanwissenschaften PAM: Schwerpunktfach Physik und angewandte Mathematik

 

Die Umgebung spielt eine Rolle

«Erinnert ihr euch aus den unteren Schuljahren an Rollen, die dann im Gymer nicht mehr vorkamen?» – «In der 3. Klasse», erzählt Jonas, «da hatten wir einen Klassenrebellen. Der sträubte sich grundsätzlich gegen alles, was von der Lehrerin kam, zerriss zum Beispiel das eben ausgeteilte Blatt. Sowas kommt im Gymer schon nicht mehr vor.» Cyril mischt sich ein: «Da war doch diese GH-Klasse, die dauernd Radau machte; die Lehrpersonen hatten überhaupt nichts mehr im Griff. Viele in der Klasse haben ja einfach mitgemacht, um nicht unter die Räder zu kommen. Aber ein paar echte Rebellen waren schon auch dabei.» «Wärt ihr in einer anderen Klasse anders gewesen?», will ich wissen. «Ich denke», sagt Cyril, «in einer anderen Klasse wäre ich wohl schon auch anders geworden. Es gibt halt auch das Mitläuferphänomen. Wenn im Franz drei Viertel der Klasse blöd getan hätten, hätte ich wohl mitgemacht. Ich glaube, dass die Umgebung auf das Rollenverhalten einen grossen Einfluss hat. Ich bin von Natur aus eher scheu. In der ersten Woche im Gymnasium habe ich kaum gesprochen. Beim ersten Mittagessen – ich erinnere mich – habe ich kein einziges Wort gesagt. Weil wir in der Klasse gut miteinander auskamen, konnte ich das abtrainieren. Ausserhalb der Klasse war ich weniger locker. Die Autorität, die jemand hat, beeinflusst mein Verhalten stark. Wenn ich mich mit dem Mathlehrer unterhielt – das ist einer, der kennt das Schulreglement auswendig – nahm ich alles sehr ernst. Bei anderen Lehrpersonen erlaubte ich mir auch mal einen Witz.»

GH-ler oder PAM? Hippie oder Streber!

 

Ernsthaftigkeit und Zwischenmenschliches

Mir fällt auf, dass immer wieder von Ernsthaftigkeit die Rede ist. Darum frage ich: «Ist mehr oder weniger Ernsthaftigkeit der Hauptaspekt von Schülerrollenverhalten?» Jonas sagt: «Es ist sicher der Aspekt, der das Klassenklima am meisten beeinflusst, auch gegenüber den Lehrpersonen. Von daher ist es ein entscheidender Aspekt von schulischem Verhalten.» – «Wenn Ernsthaftigkeit auf Platz 1 ist, was ist dann auf Platz 2?», frage ich. «Das Zwischenmenschliche», sagt Cyril: «Wie verhalte ich mich in einer Gruppe; wie gut hat man’s zusammen? Auch: Wie kann ich mit jemandem kommunizieren, der weniger integriert ist.» – «Und: Kann ich in der Gruppe Verantwortung übernehmen für etwas oder für jemanden?», ergänzt Jonas. «Gibt es für schulischen Erfolg auch Rollenaspekte, die im Allgemeinen überbewertet werden?», möchte ich noch wissen. Jonas relativiert sofort: «Was heisst schulischer Erfolg? Wenn ich durchkommen will ohne extrem schlechtes Zeugnis, dann ist das Konzept ‹Die Schule immer an erster Stelle haben› für mich überbewertet. Das ist nur wichtig, wenn ich immer Top-Noten haben will. Mir gings darum, dass mir die Schule auch Spass macht, dass es mir am Morgen nicht stinkt hinzugehen. Klar wollte ich am Schluss die Matura, aber auf dem Weg dorthin wollte ich es mit anderen Leuten gut haben. Das stand bei mir in den 12 Jahren immer ganz oben. Da sind dann eben so Sachen wichtig wie ‹Begriffe platzieren im Geschichtsunterricht›. Spiele eben.» 

 

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