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Französischunterricht kann voller Gelegenheiten sein, um die Selbstständigkeit zu üben. Ein Besuch bei Andi Thommen in der 2. Klasse der Oberstufe in der Schule Sandgruben, Basel.
Von Therese Grossmann.

«Aujourd’hui nous parlons de l’échange scolaire», läutet Andi Thommen die Französischsequenz ein, «nous regardons un petit film sans le commenter.» Aufmerksam und konzentriert schauen die Schülerinnen und Schüler zu, wie das etwa gleichaltrige Mädchen Lili aus der Deutschschweiz einen Schulaustausch in der Romandie erlebt. Sie sehen, wie sich Lili mit ihren Französischkenntnissen in der Schule und in der Gastfamilie «durchschlägt». Um den échange scolaire geht es auch in der anschliessenden halbstündigen Gruppenarbeit. Die Schülerinnen und Schüler können aus sechs verschiedenen Aufgaben eine auswählen, zum Beispiel Informationen zum échange scolaire zusammenstellen oder eine Debatte darüber führen oder sich mit französischen Kurzformen in SMS, Whats App, Snapchat beschäftigen. Zu jedem Auftrag gibt es Hinweise auf hilfreiche Seiten im Französischlehrmittel «Clin d’oeil». Am Schluss soll die Arbeit in der Klasse präsentiert werden. Die Schülerinnen und Schüler entscheiden sich rasch, tragen ihre Namen beim entsprechenden Auftrag ein und machen sich ohne Umtriebe an die Arbeit.

 

Effiziente Recherchen

Während sich die einen beim Lehrer Tablets beschaffen, haben andere schon begonnen, Ideen zu einer Spielszene zum échange scolaire aufzuschreiben. Die Gruppe, die eine Debatte vorbereitet, hat sich aufgeteilt, um Argumente pro und kontra zu sammeln. Dazu benutzen sie die Computer mit den grossen Bildschirmen im angrenzenden Atelierraum.* Später werden sie sich in der Stehpultecke treffen, um den Verlauf der Debatte zu besprechen. «Wir arbeiten gerne an den Stehpulten», erklärt mir ein Knabe, «wir dürfen im Atelierraum auch zusammenarbeiten, müssen einfach leise miteinander sprechen.» Auch hier beobachte ich, wie zielstrebig und störungsfrei gearbeitet wird. Bei der Gruppe, die zum Austausch recherchiert, fällt mir auf, dass sie Webseiten auf Deutsch sucht. «So verstehen wir die Informationen schnell und gut», erklärt mir ein Mädchen, «später nehmen wir die französischen Informationen dazu. Das hilft uns, die Präsentation vorzubereiten.» «Und manchmal übersetzen wir das, was wir auf Deutsch gefunden haben, ins Französische», ergänzt das andere Mädchen in der Gruppe schmunzelnd. Strategiewissen als Teil der Selbstorganisation. Sichtlich amüsiert sind die beiden Gruppen, die sich mit der französischen Sprache in den verschiedenen Textkurzformen beschäftigen. Zur Aufgabe gehört es, mit der Klasse nachher ein Quiz durchzuführen. Die eine Gruppe hat das Quiz schon erstellt und bespricht nun die Durchführung. Da stellen sich Fragen wie «Wollen wir alle Lösungen bis am Schluss zugedeckt lassen, oder erwartet die Klasse jeweils gerade die Lösung?»

 

Präsentationen mit Witz

Dass die beiden Quiz die Klasse packen, zeigt sich in der anschliessenden Präsentation der Gruppenarbeiten. Es wird viel gelacht über die französischen Kurzformen. Und als Andi Thommen nach eigenen Beispielen der Schülerinnen und Schüler fragt, will die Beispielkette nicht abreissen. Witzig sind auch die jeux de rôles, so nimmt die eine Gruppe gleich die Mehrsprachigkeit in einer Kochstunde auf die Schippe: «Le menu d’aujourd’hui», verkündet die ‹Kochlehrerin›, «c’est chicken wing sans poule.» Einige lachen sofort über den Sprachkalauer, andere erst nach einer Weile, und einige verstehen den Witz nicht. Das gehört zum Alltag einer Französischstunde, die alle Niveaus erfasst; es zeigt sich auch in der vorgeführten Debatte der einen Gruppe: Da reden offensive, sprachgewandte Schülerinnen und Schüler mit, aber auch defensivere und solche, die Mühe haben, ihre Argumente auf Französisch zu formulieren. Aber alle können an der Debatte, für die sie sich ja selbst entschieden haben, aktiv teilnehmen und sich ihren Fähigkeiten entsprechend äussern. Andi Thommen rundet die Französischstunde ab, indem er die einzelnen Präsentationen kurz Revue passieren lässt. Sichtlich zufrieden mit dem, was sie heute beitragen konnten, packen die Schülerinnen und Schüler ihre Sachen zusammen.

Für mich ist das ‹Lernen durch Lehren› wertvoll.

Wie baut man Selbstständigkeit auf? – Fragen an Andi Thommen

 

Interview: Therese Grossmann

Nachdem du den Auftrag erteilt hast, haben sich die Schülerinnen und Schüler rasch und souverän organisiert. Sie haben zum Beispiel um ein Tablet gebeten oder zum Handy gegriffen, als es kein Tablet mehr hatte. Ist das der normale Alltag?

Das ist völlig normal, es läuft wirklich so, aber es kommt nicht von alleine. Auf diese Selbstorganisation mit all ihren Facetten arbeite ich lange hin. Da muss ich auch immer sehr wachsam sein. Wenn ich zum Beispiel beobachte, dass einzelne Schülerinnen und Schüler oder Gruppen «ein Theater machen» wollen, wenn etwas nicht gerade vorhanden ist, muss ich mit diesen Jugendlichen an diesem Aspekt arbeiten. Die Übergänge von einer Unterrichtsphase in die nächste haben das Potenzial, dass die Schülerinnen und Schüler die ihnen übertragene Verantwortung missbrauchen, um einen Konflikt zu provozieren oder Hilflosigkeit aufkommen zu lassen. Es ist meine Aufgabe, darauf zu achten, dass die verschiedenen Übergänge verlust- und reibungslos verlaufen. Das braucht eine umsichtige Vorbereitung meinerseits und eine starke Präsenz, nicht im Sinn von Polizei, aber im Sinn von Beobachtung. Die Schülerinnen und Schüler sollen wissen, was sie zu einem guten Übergang beitragen können. Beim Beobachten muss ich meine Erfahrung zu Hilfe nehmen und mir gleichzeitig die Frage stellen, wie viel es jetzt gerade von meiner Seite braucht, damit der Übergang gut klappt. Da gilt natürlich: Je weniger, desto besser. Mit meiner Präsenz markiere ich aber einen Rahmen und drücke aus, dass ich ein Konzept der Selbstorganisation habe.

 

Im Handbuch zu Clin d’oeil gibt es an verschiedenen Stellen Ausführungen zur Selbstorganisation, zum Beispiel Inhalte und Aufgaben selbst auswählen können. Welche anderen Möglichkeiten zur Förderung der Selbstorganisation liefert das Lehrmittel noch?

Selbst auswählen können ist ein wichtiger Faktor. Relevanz und Involviertheit sind weitere Faktoren: Damit ein Inhalt relevant wird, muss ich als Schüler, als Schülerin involviert sein, das heisst, der Inhalt muss etwas mit meiner Lebenswelt zu tun haben. Ich muss mich für etwas interessieren können, oder ich muss selbst eine Erfahrung gemacht haben, sodass eine Art Schnittmenge mit dem entsteht, was im Unterricht thematisiert wird. Wenn das passiert, sind die Schülerinnen und Schüler bereit, sich auf die Inhalte einzulassen, sie zu vertiefen oder anderen zu vermitteln.

 

Du stellst die Involviertheit in einen deutlichen Zusammenhang zur Selbstständigkeit. Kannst du das am Beispiel der vorigen Sequenz zum échange scolaire zeigen?

Beim gezeigten Austausch im Film können die Schülerinnen und Schüler andocken: Die Schülerin Lili kommt aus der Region, das war am Dialekt zu erkennen, und sie ist genau gleich alt. Das reicht, dass sich die Schülerinnen und Schüler ohne meine Aufforderung vorstellen können, wie es wäre, in Lilis Rolle zu sein. Dadurch sind die Schülerinnen und Schüler involviert, aber auch durch altersspezifische Themen im Film. Das andere Beispiel ist die Sprache der Snapchats, Whats App, Instagram usw., da fühlen sich die Jugendlichen angesprochen, weil es zu ihrem Kommunikationsverhalten gehört. Sie haben ja ihre eigenen Abkürzungen in der Stunde auch eingebracht. Die Involviertheit hat verschiedene Dimensionen. Wir haben bisher von der inhaltlichen Involviertheit gesprochen, es gibt aber auch die gruppendynamische: Die Schülerinnen und Schüler leisten einen Beitrag zum Gruppenprozess, indem sie einander die Resultate ihrer Recherchen präsentieren oder indem sie Gruppenmitglieder bei der Vorbereitung unterstützen. So können die Schülerinnen und Schüler voneinander lernen. Für mich ist das «Lernen durch Lehren» eine der wertvollsten kooperativen Lernformen. Das Lehrmittel leistet da sehr viel, zum Beispiel werden die Schülerinnen und Schüler durch den Film zuerst einmal gemeinsam kontextualisiert, das muss ich nicht vorbereiten. Mithilfe des Films hole ich die Schülerinnen und Schüler in diesen Kontext des échange scolaire und damit auch in den frankophonen Kontext. Dann arbeite ich aufgrund der Aufgabenangebote im Lehrmittel eine Situation aus, die zum Lernen durch Lehren führt. 

 

Inwiefern begünstigt die Organisationsform der Schule die Selbstständigkeit?

Das Schulmodell bietet eine grosse Chance und ist gut durchdacht, aber nur das organisatorische Setting zu bieten, reicht nicht. Ein geeignetes Schulhaus zu haben und ein gutes Leitbild, sind nicht die einzigen Gelingensbedingungen. Es kommt darauf an, was die Menschen, die dort arbeiten, daraus machen. Es braucht eine pädagogische Haltung und die entsprechende Ausgestaltung beim Unterrichten und im Umgang mit den Jugendlichen. Wir sind jeweils drei Klassen zusammen, die ein Atelier bilden. Es hat neun solcher Ateliers im Schulhaus, eigentlich sind das wie neun kleine Schulen. Wir sind in unserem Atelier ein pädagogisches Team, das gerne zusammenarbeitet und ähnliche Credos hat. Weil die Schule noch im Aufbau ist – es ist jetzt das 4. Jahr – gestalten wir laufend unser eigenes Konzept aus. Das heisst, wir sind immer noch am Verändern und am Optimieren, zum Beispiel im Umgang mit der Selbstständigkeit und mit dem kooperativen Lernen im Atelier. 

 

Im Atelier hat jeder Schüler, jede Schülerin einen eigenen Arbeitsplatz, total hat es also etwa 60 Arbeitsplätze. Wie steht es da mit kooperativen Arbeitsformen?

Unser Schulhauskonzept ist auf Selbstständigkeit ausgerichtet – und Selbstständigkeit bedeutet ja nicht, alleine zu arbeiten. Darum sind kooperative Lernformen im Atelier erwünscht. Das ist ein Punkt, an dem wir auch auf Schulhausebene arbeiten. Ich habe mit­initiiert, dass wir kooperative Lernformen stark fördern, vor allem auch fachunspezifische. Die Schülerinnen und Schüler sind dankbar dafür und sprechen sehr gut darauf an. Kooperative Lernsituationen sind natürliche Lernsituationen, zum Beispiel dass man eine Problemlösung mit jemandem bespricht und nicht einfach alleine brütet. Zum kooperativen Lernen gehören unter anderem das Besprechen im Flüsterton und halt auch eine gewisse Unruhe. Damit die Schülerinnen und Schüler lernen, im Atelier selbstständig und kooperativ zu arbeiten, braucht es ein Regelwerk und Leitplanken, ohne die geht es nicht. Aber es braucht auch viel Vertrauen in die Schülerinnen und Schüler und die Übergabe von Verantwortung an sie. 

 

Welches sind deine Visionen zum selbstständigen Lernen? 

Meine Visionen bilden keinen Endzustand ab, sondern die Weiterentwicklung von Prozessen, die schon am Laufen sind. Ich wünsche mir, dass die Schülerinnen und Schüler noch mehr Eigenverantwortung übernehmen. Dass sie zum Beispiel im Französisch ihren Lernweg noch stärker selbst bestimmen, indem sie beurteilen, wo sie noch intensiver arbeiten müssen und wo es schon gut geht. Ich möchte noch mehr Individualisierung, die auch von den Lernenden kommt. Als Schüler oder Schülerin ist es natürlich bequemer, darauf zu warten, was heute thematisiert wird, als das selbst festzulegen. Ich bin gerade am Überlegen und am Ausprobieren, ob die Schülerinnen und Schüler es schaffen, über einen längeren Zeitraum ihren Lernweg selbst zu bestimmen – auf ihre individuellen Bedürfnisse ausgerichtet – das ist aber anspruchsvoll. Eine andere Vision wäre, dass von allen Beteiligten noch stärker zur Kenntnis genommen wird, welches Potenzial das Interdisziplinäre hat: Dass man noch viel mehr von einem Fach ins andere transferieren könnte, seien dies Lernstrategien oder Methoden oder auch inhaltliches Wissen. Ich glaube, dass wir die Voraussetzungen dazu haben mit einem solchen Schulkonzept und dass sich die Vernetzungen noch besser entwickeln können.

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