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kids – Jugendreporter

Was die Schule als Lernort bringt und warum Eltern ihre Kinder trotzdem zuhause unterrichten, zeigt ein Gespräch mit einer Lehrerin in Schwarzenburg.
Von Jugendreporterin Chiara Krasel.

 

Chiara: Ich habe mir schon oft überlegt, warum es die Schule braucht zum Lernen. Warum geht man überhaupt in die Schule?

Bütikofer: Damit man eine solide Grundlage hat, um später zu wissen, wie man selbst lernt. Ich denke, dass die Schule ein Ort ist, wo Kinder beim Lernen Unterstützung erhalten. Sowohl die Kinder, die in einem bildungsnahen Umfeld aufwachsen, wie auch die Kinder, die niemanden zu Hause haben, der ihnen hilft. Darin sehe ich die Chance.

 

Welche Stärken sehen Sie als Lehrerin am Lernort «Schule»? 

Für mich ist der Lernort Schule ein sich immer wieder wandelnder Ort, wo ich mein Unterrichten den Kindern anpasse. Es kommen ja jedes Jahr neue Kinder in unsere 3./4. Klasse. Da darf und muss ich schauen, was diese Kinder jetzt brauchen. Der Lernort Schule ist ein sehr lebendiger Ort für mich.

 

Sehen Sie auch Gründe, warum Eltern ihr Kind nicht zur Schule schicken, sondern Homeschooling machen?

Einen Grund sehe ich darin, dass viele Eltern Angst haben davor, dass ihr Kind zu früh in einen Stundenplan hineingepresst wird. Sie möchten ihrem Kind die Freiheit schenken, dass es in seinem Tempo lernen kann. Ein weiterer Grund für Homeschooling ist, dass jedes Kind die Möglichkeit hat, zum «richtigen» Zeitpunkt zu lernen, zum Beispiel Mathematik dann, wenn es sich für Zahlen interessiert.

 

Braucht man für Homeschooling eine Genehmigung?

Ja, man braucht eine Genehmigung durch die Erziehungsdirektion. Man muss die Lernziele des Lehrplans zuhause mit seinem Kind, das man selbst unterrichtet, erfüllen. Am Ende des Schuljahres wird zum Beispiel kontrolliert, wo das Kind steht beim Lernen, ob es in einem Fach noch spezielle Unterstützung braucht. Um das abzuklären, ist der Schulinspektor zuständig.

 

Muss man im Homeschooling alle obligatorischen Schuljahre machen?

Nein, man kann die obligatorischen Schuljahre auch in fünf Jahren durchlaufen. Ich kenne einen Jungen, der mit zwölf Jahren die Maturaprüfung abgeschlossen hat und jetzt in Frankreich Mathematik studiert. In der Schweiz wäre er zu jung für ein Studium, darum darf er in Montpellier die Universität besuchen.

 

Kennen Sie jemanden persönlich, der Homeschooling macht? Oder gemacht hat?

Ja, ich kenne eine junge Familie in Bern. Sie unterrichtet ihre Kinder selbst. Am Freitag gehen die Kinder an einen offenen Lernort für Eltern mit Homeschoolern. Das ist ein Ort, der eingerichtet ist mit Materialien zum Lernen durch Spielen. Dort treffen sie andere Kinder und können sich mit ihnen über ihre Lernerfahrungen austauschen und Freundschaften knüpfen.

 

Von welchen Erfahrungen haben Sie gehört?

Nur Positives über Homeschooling habe ich vor Jahren von der Freundin meiner Tochter erfahren. Sie ging bis in die siebte Klasse nie zur Schule, da sagte sie, sie wolle jetzt die Schule in Schwarzenburg besuchen. Sie musste in der Schule einen Test absolvieren mit Aufgaben aus verschiedenen Fächern. Sie hat den Test bestanden – und studiert heute an der Uni in Bern. Ich kenne kein negatives Beispiel.

 

Sehen Sie Möglichkeiten, Homeschooling und den Lernort «Schule» zu verbinden? 

Das sehe ich sehr gut. Wir hatten vor Jahren mal ein Mädchen, das eine Beeinträchtigung hatte und deshalb zuhause unterrichtet wurde. Es kam jeden Samstag zu uns in die Schule, früher hatten wir samstags ja auch Schule. Und dieses Mädchen erzählt noch heute, wie es sich gefreut hat, in die Samstagsschule zu kommen.
 


 

Frau Sommer, meine Lehrerin, hatte früher nicht einmal einen Kopierapparat. Heute arbeitet sie mit einem Tablet.
Von Jugendreporterin Elena Häsler.

 

Elena: Wieso sind Sie Lehrerin geworden und haben keinen anderen Beruf gewählt? 

 

Frau Sommer: Damit man eine solide Grundlage hat, um später zu wissen, wie man selbst lernt. Ich denke, dass die Schule ein Ort ist, wo Kinder beim Lernen Unterstützung erhalten. Sowohl die Kinder, die in einem bildungsnahen Umfeld aufwachsen, wie auch die Kinder, die niemanden zu Hause haben, der ihnen hilft. Darin sehe ich die Chance.

Ich wollte zuerst nicht Lehrerin werden, ich wollte Stewardess werden. Die Aufnahmeprüfung hätte ich bestanden, ich war aber 9 cm zu klein.

Nachdem das nicht geklappt hatte, besuchte ich das Handarbeits- und Werklehrerinnen-Seminar in Thun. Als ich das Seminar abgeschlossen hatte, unterrichtete ich zwei Jahre lang. Es war eine «harte» Zeit. Der Einstieg in den Beruf war sehr einsam, und ich fühlte mich allein gelassen. Das ist heute viel besser, Berufseinsteigerinnen werden viel besser betreut. Nach diesen 2 Jahren dachte ich: Das mache ich nie wieder.

Ich ging dann mal auf eine Weltreise, um etwas Abstand zu gewinnen, und als ich zurückkam, unterrichtete ich wieder und habe wieder Freude daran gefunden und bin bis heute dabeigeblieben. 

 

Aus welchem Grund unterrichten Sie die 5./6. Klasse und nicht die 1. Klasse oder die Oberstufe?

Die Kleinen die sind mir einfach zu klein (lacht), die Schülerinnen und Schüler der 5./6. Klasse verstehen schon ziemlich viel, weil sie viel von den unteren Schuljahren mitbringen. Auf der Oberstufe zu unterrichten, wäre für mich auch eine Möglichkeit, aber in der 5./6. Klasse ist es angenehm. 

 

Welches sind die Sonnenseiten Ihres Berufes?

Also, die Sonnenseiten sind sicher, dass man mit dem Lehrplan einen Rahmen vorgegeben hat, aber dann ziemlich unabhängig entscheiden kann, wie man die Vorgaben umsetzten will.

Was auch Freiraum bietet: Man hat 13 Wochen schulfreie Zeit. Das heisst nicht, dass man nicht arbeitet; aber man kann selbstständig einteilen, wann man was machen will, und das geniesse ich sehr.

 

Was macht Ihnen an Ihrem Beruf am meisten Mühe?

Einerseits Administratives, der Dokumentationszwang. Anderseits sind da die engen Platzverhältnisse, die auch Mühe machen. Oft denke ich mir, «braucht oder liest das überhaupt jemand?» 

 

Was hat sich bei den Arbeitsbedingungen verändert, seitdem Sie die Ausbildung als Lehrerin abgeschlossen haben? 

Um den Lehrplan 21 zu erfüllen, den ich toll finde, bräuchte man grosszügigere Platzverhältnisse. Die hat man aber oft nicht, da Bauen immer eine langwierige Angelegenheit ist.

Viele Dinge haben sich verbessert, zum Beispiel: Als ich das Seminar abgeschlossen habe, gab es noch nicht einmal einen Kopierer; damals haben wir noch Matrizen geschrieben. Von der Matrize bis zum heutigen Tablet – das ist ein grosser Fortschritt, der mir persönlich die Arbeit sehr erleichtert.

 

Wie verändern die Sozialen Medien Ihren Beruf? 

Für mich macht es vieles einfacher, aber vielleicht nicht für alle.

Ich finde es einfach mal cool, ich habe sowieso gerne Computer und technische Geräte. Schön wäre, wenn jede Schülerin und jeder Schüler sein eigenes iPad hätte und die Schulbücher digital wären. Damit könnte man Papier sparen und müsste auch nicht mehr so viel schleppen.

 

Wenn Sie sich etwas von uns Schülern und Schülerinnen wünschen könnten, was wäre das?

Dass ihr die Zeit in den Lektionen besser zum Lernen nutzt. Ihr müsst oder dürft ja so viel Zeit in der Schule verbringen. Lernt Arbeitszeit und Freizeit besser trennen, und mischt es nicht ständig! Dann wüsche ich mir, dass ihr mehr Rücksicht nehmt auf die Mitschülerinnen und Mitschüler; und auch, dass ihr sorgfältiger umgeht mit dem Schulmaterial, dem eigenen Material und dem der Mitschülerinnen und Mitschüler. 

Frau Sommer, herzlichen Dank für das Gespräch!

 


 

Meine Mutter, mein Vater und meine Lehrerin – was bedeutet für sie ­Gerechtigkeit?
Von Jugendreporterin Ann-Michèle Cuénod.

Ich erlebe in meinen Schuljahren viel Ungerechtigkeit bei mir und meinen Mitschülern. Mit den wenigsten habe ich etwas zu tun. Ich fühle mich aber trotzdem schuldig, wenn ich einfach nur zusehe und nichts mache. Ich finde, es sollte viel mehr Gerechtigkeit auf dieser Welt geben. Gerechtigkeit bedeutet für mich, dass man andere so behandeln sollte, wie man selbst behandelt werden will.

Nun wollte ich wissen, wie andere Leute in solchen Situationen empfinden. Da meine Mutter bei uns immer für Gerechtigkeit sorgt, mein Vater als Krankenpfleger jeden Patienten gleich behandelt und meine Lehrerin, weil sie alle Schülerinnen und Schüler nach deren Bedürfnissen behandelt, habe ich sie zu diesem Thema interviewt. 

 

Interview mit meiner Mutter

Was bedeutet Gerechtigkeit für dich?

Gerechtigkeit ist für mich, wenn man in derselben Situation immer gleich behandelt wird.

 

Warst du schon einmal in einer ungerechten Situation? Und wenn ja, um was ging es?

Ja, mir wurde eine Arbeitsstelle versprochen, und am Ende bekam die Stelle eine andere Person.

 

Wie habt ihr das Problem gelöst?

Ich habe das Gespräch mit dem Chef gesucht, und dann wurde mir eine Alternative angeboten, mit der ich zufrieden war. So hat alles sein gutes Ende gefunden.

 

Wie hast du dich während und nach dieser Ungerechtigkeit gefühlt?

Während der Ungerechtigkeit fühlte ich mich traurig und wütend. Nach der Ungerechtigkeit ging es etwas besser, doch bin ich nach all den Jahren immer noch sauer, wenn ich zurückdenke! Die Ungerechtigkeit traf mich so tief, dass ich sie nie ganz verzeihen konnte.

 

Interview mit meinem Vater

Was bedeutet Gerechtigkeit für dich?

Gerechtigkeit ist, wenn alle Menschen, egal welcher Hautfarbe, Herkunft und Sprache, gleiche Rechte haben.

 

Hast du schon einmal irgendeine Person ungerecht behandelt? 

Ja, leider habe ich das auch schon. Ich habe mich danach auch schuldig gefühlt. Ein Junge aus meiner Parallelklasse wurde im Turnunterricht immer gehänselt, weil er pummelig war. Er wehrte sich und rannte allen hinterher, die ihn foppten. 

 

Interview mit meiner Lehrerin

Was bedeutet Gerechtigkeit in der Schule für Sie?

Dass ich jedes Kind anders behandle, entsprechend seinen Bedürfnissen.

 

Ist es schwierig, alle Schülerinnen und Schüler, auch wenn Sie sie nicht so gerne mögen, gleichwertig zu behandeln?

Es ist am Anfang schwierig, darum suche ich bei jedem Kind seine persönliche «Schönheit». Aber ich habe auch Schüler ungerecht behandelt und es nachher bereut.

 

Wie sollten Schüler und Schülerinnen reagieren, wenn sie ungerecht behandelt werden?

Sie sollten mutig sein und für ihr Recht kämpfen, dabei aber höflich bleiben.

 

Können Sie eine ungerechte Situation aus Ihrem Privatleben beschreiben?

Das war auf einem Markt. Ein Marktfahrer hat einem 15-jährigen Knaben eine Ohrfeige gegeben, obwohl er nicht schuld war, dass der Marktstand stark gewackelt hat. Der Knabe wurde nämlich in den Stand geschubst, weil es so viele Leute hatte. Ich wurde wütend.

 

Wie haben Sie gehandelt?

Ich habe laut und deutlich, aber mit anständigen Worten dem Marktfahrer meine Meinung dazu gesagt.

Besten Dank an meine Eltern und meine Lehrerin, dass ihr euch Zeit für das Interview genommen habt.

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