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mein & aber

Diese Kolumne wurde von den Mitgliedern der profil-Redaktion als «Stafetten»-Text geschrieben.

Mittwochnachmittag im Kursraum

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer eines Weiterbildungskurses trudeln langsam ein und überlegen sich, welchen Platz sie einnehmen sollen. Und wie immer erinnere ich mich an unseren Lehrer, der uns zum Start mitgegeben hat: «Zuvorderst sitzen die Streber, zuhinterst die Faulen und in der Mitte diejenigen, die sich nicht entscheiden können.» Ich kann mich nicht entscheiden und setze mich folgerichtig in die Mitte.

Ja, die liebe Sitzordnung im nächsten Schuljahr! Wenn das nur so einfach wäre! Wo platziere ich zum Beispiel Vincent, den ewigen Störefried? Nahe der Türe?! Damit er sich auf dem Weg dorthin nicht noch lange vor der ganzen Klasse produzieren kann, wenn ich ihn hinausschicke? Mit Lucy in der hintersten Reihe habe ich recht gute Erfahrungen gemacht. Sie übernimmt die Aufsicht und macht Striche, wenn ich nicht im Klassenzimmer bin.

Andererseits fällt mir ein, dass Vincent einen sechsten Sinn hat für wunde Punkte im System und mich zur Reflexion zwingt. Und beschämt stelle ich fest, dass ich Lucy hin und wieder für meine Zwecke instrumentalisiere. «Isch da no frei?», fragt eine Stimme und unterbricht meine Gedanken.

Und noch bevor ich reagieren kann, fährt sie fort: «Du sitzt wie damals in der unverdächtigen Mitte!» – «Und du», sage ich (sie ist es wirklich!), «sassest vorne beim Eingang und hast die Strichlein gemacht, wenn der Chef wieder mal pausierte.» Eine Bemerkung über Armin, den armen Kerl hinten links, erspare ich ihr.

«Erinnerst du dich übrigens noch an Armin?», flüstert sie mir zu meiner Überraschung kurze Zeit später zu. Gedankenübertragung? «Ja, klar, wer kann den vergessen», antworte ich und bin natürlich gespannt. «Du wirst es nicht glauben, wer im zweiten Teil unseres Weiterbildungsnachmittags ganz vorne stehen wird! Unser Armin als Referent! Wer hätte das gedacht!», tratscht sie genüsslich weiter.

Unser Armin … der arme Kerl hinten links … mein Vincent … Störefried vorne rechts?   … mit sechstem Sinn hinten links? … oder in der Mitte wie ich … oder ich hinten links?  … «Es hat nichts mit dir zu tun», flüstere ich ihr im Vorbeigehen zu und setze mich links in die hinterste Reihe.

Zu Beginn des Kurses bittet uns die Referentin um tatkräftige Unterstützung. Der Kursraum, erklärt sie, sei nicht nach ihren Wünschen eingerichtet worden. «Ich möchte, dass wir alle in einem Kreis sitzen.» Kein Links, kein Rechts, kein Vorne und kein Hinten. Sondern eine einzige Mitte, denke ich mir. Passend zum Kursthema: «Achtsamkeit für Lehrpersonen – gut für sich sorgen und ein Fels in der Brandung sein.»

Kein Links, kein Rechts, kein Vorne und kein Hinten. Sondern eine einzige Mitte.

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