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Die Hand

 

Christian Graf

Die Hand

Sie war immer da. Diese Hand, die mich dazu bringen wollte, die schwierige Passage des Violinkonzerts von Bach ganz entspannt anzugehen. Sie lag auf meiner rechten Schulter und drückte diese leicht nach unten. Ich höre die Stimme heute noch: Locker lassen! Und ich weiss auch, dass mich die Hand ziemlich nervte und ich für den sich wiederholenden Eintrag «Locker lassen!» in meinem Aufgabenheft nur ein müdes Lächeln übrig hatte.

Fast 30 Jahre später: Die Adventszeit steht vor der Tür, meine Kinder üben auf ihren Instrumenten die eingängigen Lieder. In einem schwachen Moment suche ich im Estrich meine alte Violine, öffne den völlig verstaubten Kasten – und muss mein Debut verschieben, es fehlen zwei Saiten, der Steg liegt flach.

Wer kann voraussagen, wann die Saat des Lernens aufgeht?

Ein paar Tage später, natürlich bin ich ganz allein in der Wohnung, stehe ich mit der renovierten Geige vor dem Bach-Konzert. Keine Chance, denke ich, und nähere mich mit zittrigem Bogenstrich der besagten Stelle. Da trifft es mich wie ein Blitz: Ich spüre seine Hand und – ich weiss, es klingt pathetisch  – schaffe die schwierige Stelle ohne Stocken.
Wer kann voraussagen, wann die Saat des Lernens aufgeht? Warum lässt man ihr in der auf kurzfristigen Output fokussierten Bildungslandschaft nicht ihre Zeit zu ruhen, bis der richtige Moment anbricht? Ich wünsche den Schülerinnen und Schülern, um die es in der vorliegenden Ausgabe geht, Lehrpersonen, die um die verborgene, unsichtbare Saat wissen und die weiterhin an die längerfristige Wirkung ihrer Arbeit glauben.

PS. Übrigens: Die Hand gehörte Hannes. Lieber Hannes, danke für ein einmaliges Bildungserlebnis!

 

 

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